Der selbst-therapeutische Anteil beim Schreiben

Ist Schreiben Therapie? Kann ich mein Leben oder Teile meines Lebens schreibend verarbeiten? Ich würde sagen: ja und nein. Ganz klar ja, wenn ich ausschließlich für mich selbst schreibe, im Tagebuch zum Beispiel. Da geht es nur um mich, da will ich nichts gestalten, nichts überarbeiten, alles ist erlaubt, niemand braucht es zu lesen. Es ist ein kreativer Akt, wie Arbeiten mit Ton, Stein oder Malen ein kreativer Akt als Therapie sein kann.
Ein literarischer Text ist nicht Therapie, zumindest nicht in erster Linie. Denn hier kann ich nicht einfach schreiben, was ich will, meine Emotionen, Sorgen, Gedanken ungefiltert fließen lassen – es wird kein guter Text, wenn ich das mache. Ein Text, den jemand anderer lesen soll, folgt eigenen Gesetzen, die mit den Gesetzen und Untiefen meiner Psyche nur teilweise zu tun haben. Ein literarischer Text ist etwas bewusst Gestaltetes, ich möchte etwas ganz bestimmtes beschreiben, ausdrücken, an den Leser bringen, etwas, das über mich selbst, mein individuelles Leben hinaus geht. Natürlich kann ich auch in einem literarischen Text etwas verarbeiten, das geschieht oft. Aber es ist nicht mein primärer Fokus. Ich achte auf anderes, und wenn etwas, was zwar psychisch für mich wichtig ist, aber leider nicht in den Text passt, muss es (meistens) brutal hinaus geworfen werden.
Natürlich kann auch ein literarisch gestalteter Text in zweiter Linie Therapie sein. Wenn ich zum Beispiel Mordgelüste habe und ich schreibe einen Kurzkrimi, ist das selbsttherapeutisch ein wunderbarer Akt, denn auf dem Papier darf ich schänden und morden, wen ich will. Gleiches gilt für sexuelle Gelüste. In der Phantasie ist (fast) alles erlaubt – und wird oft auch gerne gelesen.

Eine Geschichte ist fertig

Die Kurzgeschichte ist fertig.  Ich bin zufrieden. Ich mag die Geschichte, das heißt: Selbst, wenn sie bei anderen nicht so gut ankommen sollte, gehört sie für mich zu meinen gelungenen Texten. Jetzt ruht sie erst einmal, bis die ersten Rückmeldungen und Kommentare von Testlesern kommen. Dann entscheide ich, was ich noch verändere.  Jetzt habe ich einfach mal das gute Gefühl, etwas fertig gemacht, etwas geschaffen zu haben. Und ich kann mich dem nächsten Projekt widmen. Zwei Geschichten sind in der Warteschleife. Eine davon schon ein paar Jahre, an ihr bin ich immer wieder gescheitert. Ich glaube, jetzt kann ich sie schreiben.

Baby und Buch

Ein Buch ist hinter die Wickelkommode gefallen. (Denn natürlich wird die Wickelkommode vorläufig noch als Ablageplatz für Bücher genutzt.) Dieses Buch ist derzeit für mich unerreichbar. Mit meinem Riesen-Bauch komme ich da nicht hin. Das ist also die erste Verbindung von Baby und Buch.

Bücher und Träume

Ich gönne mir einen Nachmittag, an dem ich nur lese. Versinke in Texten, Geschichten, Assoziationen. Dann in der Nacht: intensive, kreative Träume. Ich merke mir so gut wie nichts – aber als ich aufwache, weiß ich: Es hat alles mit Geschichten zu tun, mit den Geschichten, die ich lese, mit meinen eigenen Geschichten; mit der ganzen Lust auf Geschichten, der Suche danach, dem Finden, dem Erfinden. Geschichten sind eine eigene Realität. Natürlich flüchten leidenschaftliche Leser immer wieder mal aus der Welt. Aber von ihrem Fluchtort kehren sie meistens gestärkt zurück.

Arbeit an einer Kurzgeschichte II

Jetzt wird es ernst. Die erste richtige Rohfassung muss erstellt werden, bis jetzt habe ich mehr oder weniger „einfach geschrieben“.  Jetzt muss ich es in Form bringen, in eine lesbare Form, die auch für jemand anderen transportiert, was ich erzählen will. Jetzt wird es unangenehm, weil die Schwächen der Geschichte sichtbar werden, alles, was fehlt, alles was zu viel ist. Bisher habe ich in den Stärken geschwelgt. Jetzt muss ich gnadenlos zu mir  selbst und dem Text sein, damit er etwas werden kann. Ich drücke mich, wasche Wäsche und lese. Aber es treibt mich doch wieder zum Computer, glücklicherweise.

Besondere Bücher

Noch einmal Christa Wolf. „Nachdenken über Christa T.“ Ich habe es mir aus der Bücherei ausgeborgt. Es ist die Ausgabe für „Bundesrepublik Deutschland, Westberlin, Österreich und die Schweiz“ aus dem Luchterhand Verlag von 1969. Liest man es zu Ende und blättert noch einmal um, steht da: „Herstellung im Karl-Marx-Werk, Pößneck (DDR)“
Es ist ein besonderes Buch, es atmet Geschichte, jüngste Geschichte, aber doch schon so weit weg. Für mich ist es ein faszinierendes Buch, weil es sprachlich ganz besonders ist, ein Sprach-Sog, dem ich mich nicht entziehen kann.
Es ist ein besonderes Buch, weil es eine besondere Geschichte hat, es gibt ein ganzes Buch über sein Erscheinen oder Fast-Nicht-Erscheinen in der DDR; es ist auch ein Buch über das Schreiben, darüber, was Schreiben bedeuten kann.
Es ist ein Buch, das sich auf vielen Ebenen lesen lässt. Ich werde es in die Bücherei zurück bringen, dort wird es weiterhin auf seinem angestammten Platz stehen, in meinem Kopf werde ich es bei mir behalten.

Arbeit an einer Kurzgeschichte

Seit ein paar Tagen arbeite ich an einer Kurzgeschichte. Ich genieße es. Es ist noch gar nicht so wichtig „ob sie wirklich etwas wird“. Ich mag die Geschichte, die Figuren, ich schreibe immer nur ein kleines Stück, denke ein bißchen an die Überarbeitung, sehe vor mir, wie sich die Geschichte entwickelt. Einen ersten Entwurf habe ich im Zug nach Krems bearbeitet, mit Blick auf den Wienerwald, Felder, Wiesen, die Donau. Schreiben kann sehr schön sein.

Notizbücher

Eine schöne Verbindung von „Schreiben und Lesen“ sind Notizbücher. Viele Schreibende sind Notizbuchfetischisten, die Frage „welches Notizbuch“ ist so wichtig wie früher wohl die Frage „Welche Schreibmaschine“ (viele berühmte SchriftstellerInnen, vor allem die älteren, schreiben ja immer noch auf Schreibmaschinen, fahnden nach den letzten Resten von Farbbändern und können sich nur schwer oder gar nicht vorstellen, auf den seelenlosen Computer umzusteigen.)
Unter anderem die Werbestrategie von Moleskine hat in den letzten Jahren eine „Renaissance des Notizbuches“ eingeleitet, dazu gibt es im Netz jede Menge Artikel und Betrachtungen – und vor allem gibt es im Netz eine große Community der Notizbuch-Fetischistinnen. Ein guter Einsteig ist Notizbuchblog.de. (Übrigens gibt es auch wunderbare Seiten zu „Journaling“, Tagebuchschreiben im weitesten Sinne, dazu hier in Zukunft sicher mehr.)
Mein “ Aktuelles“ ist ganz schlicht und war ein Sonderangebot beim Interio. Es heißt „Prologue“ und ich liebe es. Natürlich habe ich im Internet jemanden gefunden, dem es auch so geht.  Roman Tschäppeler schreibt auf die Frage nach Marken, die er gerne kauft „Interio (nur Notizbücher Prologue)“.
In meinem Prologue stehen auf den ersten Seiten mehrere für mich sehr wichtige Betrachtungen, darunter ein paar Ideen für Kurzgeschichten, eine davon ist gerade im Entstehen.

Essays

Ich lese gerne Essays. Weil hier schreibende Menschen über die Welt nachdenken. Oft haben die Essays mit Lesen und Schreiben zu tun. Oder mit Politik, Wissenschaft, Kunst, dem Alltag. Verschlungen habe ich zum Beispiel zwei Essay-Bände von Jonathan Franzen, „Die Unruhezone“ und „Anleitung zum Alleinsein“
Gerade begeistert mich ein Buch, das das Nachdenken über die Welt schon im Titel hat. „Mit dem Kopf durch die Welt“.  Der Germanist Wendelin Schmidt-Dengler hat in einem Interview gesagt, Lesen ist einer der wichtigsten Wege, nach der Schule noch weiter zu lernen – mit Essays geht das besonders gut.