Ist Schreiben Therapie? Kann ich mein Leben oder Teile meines Lebens schreibend verarbeiten? Ich würde sagen: ja und nein. Ganz klar ja, wenn ich ausschließlich für mich selbst schreibe, im Tagebuch zum Beispiel. Da geht es nur um mich, da will ich nichts gestalten, nichts überarbeiten, alles ist erlaubt, niemand braucht es zu lesen. Es ist ein kreativer Akt, wie Arbeiten mit Ton, Stein oder Malen ein kreativer Akt als Therapie sein kann.
Ein literarischer Text ist nicht Therapie, zumindest nicht in erster Linie. Denn hier kann ich nicht einfach schreiben, was ich will, meine Emotionen, Sorgen, Gedanken ungefiltert fließen lassen – es wird kein guter Text, wenn ich das mache. Ein Text, den jemand anderer lesen soll, folgt eigenen Gesetzen, die mit den Gesetzen und Untiefen meiner Psyche nur teilweise zu tun haben. Ein literarischer Text ist etwas bewusst Gestaltetes, ich möchte etwas ganz bestimmtes beschreiben, ausdrücken, an den Leser bringen, etwas, das über mich selbst, mein individuelles Leben hinaus geht. Natürlich kann ich auch in einem literarischen Text etwas verarbeiten, das geschieht oft. Aber es ist nicht mein primärer Fokus. Ich achte auf anderes, und wenn etwas, was zwar psychisch für mich wichtig ist, aber leider nicht in den Text passt, muss es (meistens) brutal hinaus geworfen werden.
Natürlich kann auch ein literarisch gestalteter Text in zweiter Linie Therapie sein. Wenn ich zum Beispiel Mordgelüste habe und ich schreibe einen Kurzkrimi, ist das selbsttherapeutisch ein wunderbarer Akt, denn auf dem Papier darf ich schänden und morden, wen ich will. Gleiches gilt für sexuelle Gelüste. In der Phantasie ist (fast) alles erlaubt – und wird oft auch gerne gelesen.

Werbeanzeigen